Leserforum

Kommentare zum Buch "Wir wollten ins Verderben rennen - Das Sozialistische Patientenkollektiv Heidelberg" sowie zu Buchvorstellungen mit Podiumsdiskussion am 04.11.2016 in der Universität Heidelberg und am 24.01.2017 in der Charité Berlin.

Ich habe gerade Ihr Buch über das SPK gelesen, das mich sehr bewegt hat. Ich bin Psychiater und Stigmaforscher an der Universität Greifswald, und dem Alter nach „Sozialpsychiater der 3. Generation“. Außerdem ist Walter von Baeyer mein Großvater.

Ich habe mich gefreut und war Ihnen dankbar dafür, wie abwägend und respektvoll Sie über meinen Großvater geschrieben haben. Ich wusste natürlich von der sozialpsychiatrischen Familientradition, und dass mein Großvater ein schwieriges Ende seiner Laufbahn hatte. Aber doch eher als Familiengeschichte, die für meine eigene psychiatrische Identität gar nicht so prägend war - dachte ich zumindest.

Das SPK tauchte in den Familiengeschichten eher als Gespenst auf. Es war deshalb atemberaubend spannend, diese Zeit von so vielen Zeitzeugen so differenziert und nachvollziehbar erzählt zu bekommen. Und zu merken wie viel das mit mir zu tun hat. Als Psychiater, weil ich einfach viel zu wenig über diese tiefen, prägenden Konflikte der Sozialpsychiatrie in Deutschland vor der Enquete weiss. Aber auch als Enkel, denn schmerzfrei war die Lektüre nicht. Es ist eine wirklich tragische Geschichte, und es fällt mir nicht schwer, in der Erinnerung an meinen Großvater auch die Spuren seiner Verletzungen zumindest zu erahnen. Danke, dass Sie dieses Buch geschrieben haben.

Prof. Dr. Georg Schomerus
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie Universitätsmedizin Greifswald


Danke für das wirklich ausgezeichnete Buch. Das SPK kannte ich zuvor nur aus Antiquariaten (ich bin sozusagen eine Generation drunter - d. h. geboren, als die Ereignisse damals hochkochten) und war von deren Texten gleichermaßen abgestoßen wie fasziniert. Ich empfehle Ihr Buch auch meinen Studenten als Beispiel dafür, wie interessant und gut Ideengeschichte gemacht werden kann. Ihnen ist ein echtes Meisterwerk gelungen.

Univ.-Prof. Dr. Alexander Batthyany Viktor Frankl Institut Wien


Diese Veranstaltungen sind tatsächlich Wundertüte und Katalysator in einem. Auch die Berliner Veranstaltung war - ganz anders als Heidelberg - bewegend. Mir geht es darum, das Aufhebenswerte auch aufzuheben und daraus etwas Brauchbares für heute und die Zukunft zu machen. Dieses Potential hat das Buch, weil es so offen geschrieben ist. Sie hatten keine Angst vor "freien Enden" und nicht das Bedürfnis, das Ganze abzupacken und zu etikettieren. So steht es anderen zur Verfügung und zwar wissenschaftlich nicht angreifbar, weil Sie und Ihre Kolleginnen so sorgfältig und verantwortungsvoll gearbeitet haben. Das ist wunderbar!

Jetzt verstehe ich auch besser die Effekte, die Ihr Buch hat: durch die breite Palette von Zeitzeugeninterviews aus unterschiedlichen Phasen und mit unterschiedlichen individuellen Erfahrungen/Voraussetzungen hat es Effekte von Gruppentherapie - nur sicherer, weil man aus sicherer Entfernung sich in eigenem Tempo annähern kann. Es schafft im Nachhinein (mehr) Verständnis untereinander, aber auch von den damaligen Zeitumständen und dadurch Möglichkeiten, sich selber besser zu verstehen und zu verorten. Heute. Unter diesem Aspekt verstehe ich sofort die Wirkung der Studie auf die seit Jahrzehnten mit diesen Erfahrungen und den Folgen Vereinzelten.

Ich käme niemals auf die Idee - im gesamten Kontext SPK nicht - zu sagen, ich bin "verführt" oder "politisch missbraucht" worden. Warum nicht? Weil es meine eigene Entscheidung war. Von heute gesehen, war manches falsch und angesichts dessen, dass ich so jung war, vielleicht verständlich (mangelndes Wissen, mangelnde Lebenserfahrung). Ich hatte natürlich wirklich das große Glück, aus dem Spektrum von Erfahrungen, die man im SPK machen konnte, weitgehend die guten erwischt zu haben.

Stefanie Berger, ehemalige Patientin des SPK und Zeitzeugin


Das Buch ist wirklich hoch wissenschaftlich, trotzdem sehr übersichtlich, hervorragend aufgebaut und sehr gut zu lesen. Aus dem was ich bisher über Dr. Huber gelesen habe (was ich bis dahin nicht wusste), insbesondere sein ganzes Gehabe und Verhalten in der Klinik und gegenüber Kollegen auch schon zu der Zeit, als er noch einigermaßen angepasst war in Verbindung mit meinen persönlichen Erfahrungen danach, ergibt sich für mich bei ihm die Entwicklung einer narzisstischen größenwahnsinnigen Persönlichkeitsstörung. Wahrscheinlich existierte bei ihm bereits eine Veranlagung dazu. Hierfür spricht sein Durst nach Anerkennung und folglich seine schnelle Verletzlichkeit bzw. Beleidigung bei Nichtübereinstimmung mit seinen Arbeiten oder Ideen, seine oft verschrobene, verworrene von Kollegen oft nicht verständliche Sprache, sein übermäßiger Ehrgeiz in und mit der Behandlung einer zunehmend große Zahl von Patienten, so im Sinne 'ich bin ein ganz großer, niemand schafft es so wie ich' usw. Dieser Größenwahn hat sich dann mit der Gründung und Entwicklung des SPK stark gesteigert.

Vielleicht wäre diese Entwicklung vermeidbar gewesen wenn er in der Klinik so zu sagen bei der Hand genommen worden wäre im Sinne einer therapeutischen Umgebung. Aber das war und ist ja nicht möglich. Ein Arbeitsplatz ist keine beschützende Werkstatt.

Dalia Kasubek, ehemalige Patientin des SPK und Zeitzeugin


Herzlichen Dank für diese wirklich großartige und wertfreie Darstellung der Geschichte des SPK. Ich habe von Ihrer Arbeit sehr profitiert und fühle mich nach der Lektüre richtig befreit. Endlich kann ich mit meiner eigenen Geschichte umgehen! Eine Sperre ist aufgebrochen und hat vieles freigelegt, was lange Jahre verschüttet war.

Ein ehemaliger Patient des SPK und Zeitzeuge


Es ist doch, als sei ein abgeschnittenes und verlorenes Stück Leben zurückgekehrt, auch mit Beschämendem, das ich mir noch vollends zu eigen machen muss.

Ein ehemaliger Patient des SPK und Zeitzeuge


Welch eine interessante, aufschlussreiche und spannende Geschichte! Sie liest sich wie ein Kriminalroman, den ich kaum mehr aus der Hand legen konnte, bis ich ihn zu Ende gelesen hatte und das in einer auch für Laien gut zu verstehenden Sprache! Erschütternd, wie überschätzt, intrigant und militant sich das Patientenkollektiv in so kurzer Zeit entwickelt hat und welch unangenehmer Sprache sie sich bedienten. Danke für diese äußerst gründliche, sachorientierte und verständliche Aufarbeitung.

Anna-Katharina Kubanek, Neukirchen-Sprung


Ich kann Ihnen nur zu der Aufrichtigkeit gratulieren, mit der Sie die Zusammenstellung der Autoren und die Auswahl ihrer Beiträge vorgenommen haben. Sie haben sich selbst als Paulus vorgestellt und dem Saulus der Vergangenheit in gewissem Umfang abgesagt. Nachdem Sie Wolfgang Huber zunächst Beistand geleistet haben, fand ich es bewundernswert, dass Sie die beträchtliche Zahl von kritischen Quellen nicht nur hinreichend zu Wort kommen ließen, sondern auch in einen Zusammenhang gefasst haben, der dem Leser einen offenen Verständnishorizont bewahrt.

Die Panel-Diskussion verlief trotz oder dank beachtlicher Gegensätze der Teilnehmer ausgesprochen lebendig und nicht ohne interessante und aufschlussreiche Beteiligung aus dem Publikum. Dabei kamen die beiden kontroversen Positionen sehr deutlich zu Wort. Die Diskussionsleiterin hat zudem ihre keineswegs leichte Aufgabe klar und mit einer fühlbar positiven Grundhaltung gelöst.

Natürlich enthielt sowohl das Buch als auch die Diskussion am letzten Freitag eine Reihe interessanter Hinweise auf die Motive einzelner Mitwirkender und auf das Verständnis des ganzen Phänomens. Sie haben den schmalen Grat zwischen Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit und vertraulicher Kenntnis von höchstungewöhnlichen Absichten und Handlungen offenbar mutig und zugleich ziemlich einwandfrei realisiert. Ein echter Erfolg freier Berichterstattung ist die Beteiligung vieler Zeitzeugen an der ziemlich umfassenden Darstellung der inneren und äußeren Welt des SPK.

Prof. Dr. Dr. Heinz Häfner,
Gründer des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim


Besonders beeindruckt war ich von den beiden ehemaligen Patientinnen, die eindrucksvoll schildern konnten, wie sie in der Anfangszeit vor allem von den Gruppensitzungen profitierten, wie ihnen das Setting Halt und Orientierung gab.

Das psychiatrische Establishment hat sich für sie nicht interessiert und die SPK- Spitze, vor allem Huber, haben sie anschließend ignoriert und verraten. Das kam an dem Abend bei der guten Moderation deutlich zum Vorschein.

Und es war gut , dass auch deutlich wurde - die wahren Untaten der Psychiatrie der NS-Zeit haben weitaus größeren und nachhaltigeren Schaden angerichtet - und sind nie so vehement angeklagt oder bekämpft worden. Schuldbekenntnisse gab es erst, als wirklich alle tot waren.

Dr. Niels Pörksen,
Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie und der Aktion Psychisch Kranke


Christian Pross ist ein großartiges Buch gelungen! Eine wirklich umfassende Untersuchung, die sich vor allem durch Authentizität auszeichnet. Die vielen Originalaussagen der unterschiedlichen Zeitzeugen, Patienten, Beteiligten geben einen sehr umfassenden Einblick in die Verhältnisse der damaligen Zeit. Die abgewogenen Kommentierungen und Einschätzungen lassen genügend Raum, um sich selbst ein Urteil zu bilden.

Insgesamt aber ist es dennoch erschreckend zu sehen, wie unfähig eigentlich alle Beteiligten waren, diesen Konflikt zu lösen.

Christian Wolff,
ehemaliger Pfarrer der Thomaskirche Leipzig, 1973/74 Vorsitzender des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) an der Universität Heidelberg


Sie haben eine sehr stringente, akribisch recherchierte Untersuchung vorgelegt, die so viel über die Zeit (en) und die psychiatrischen Strömungen im Umfeld des SPK dargelegt und dabei Unbekanntes und Vergessenes zu Tage fördert...

Ich schlug zum Wintersemester 1971 an der Uni Heidelberg auf, da war das SPK ja gerade untergegangen. An die Auseinandersetzungen um das Rektorat Rendtorff erinnere ich mich; er war mir sympathisch. Das Auftreten der arroganten Jungaltachtundsechziger, die die Weisheit mit Löffeln gegessen hatten, dabei vielleicht fünf Jahre älter waren als ich, der ich aus der Provinz (katholisches Emsland/Papenburg) kam, hat mich abgestoßen...

Der aufkommende Dogmatismus der Studentenbewegung, die uns als Schülerbewegung erreicht hatte, indem wir von älteren Jahrgängen aus Berlin agitiert wurden - war eine Mischung aus Befreiung und Anmaßung. Erst war es kritischer Katholizismus, später wurde es radikale Gesellschaftskritik.

Ihr Buch beschert eine Zeitreise in die Ideenwelt dieser Bewegungen, die das Befreiende, Diskursive sobald verlor... Die Geschicke des SPK: erschreckend, dabei nachvollziehbar, maßgeblich geprägt, wie Sie es schildern, durch das Gurutum des Dr. Huber. Die ganzheitlichen Entwürfe in Gesellschaft und Wissenschaft haben Menschen immer angezogen - die Verheißung einer Gesamtlösung statt des analytischen Kleinkrams eben!...

Das SPK erscheint als eine phänomenale Mischung von Richtigen und Falschem. Die „Gleichsetzung der Leiden der Arbeiterklasse mit den Leiden der Patienten“ - ein Knaller. Oder die Verzahnung von Psychotherapie und Klassenkampf, ' Klassenkampf statt Elektroschock', darauf muss man erstmal kommen. Es erscheint nachvollziehbar befreiend, wenn es hieß: „Krankheit ist kein Makel, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Widersprüche“. Die Gleichsetzung der Leiden der Arbeiterklasse mit dem Leiden der Patienten klingt dann schon ein wenig wahnhaft; „Agitation statt Therapie“ klingt gut, aber wird nicht klappen...

Gruppenprozesse im SPK unter charismatischer bzw. egomanischer Leitung durch Huber werden anschaulich geschildert...Hier wie an anderen Stellen des Buches bringen Sie die zahlreichen widerstreitenden Gutachtermeinungen ausführlich zum Klingen - gegensätzlicher geht es kaum.

Was bleibt? `Krankheit als Protest´? Zu Zeiten der endemischen Selbstoptimierung dürfte das nicht sehr marktgängig sein – schade eigentlich. Die Kritik an der psychiatrischen Diagnostik – immer, aber heute vor allem als fachdisziplinärer Diskurs. Das ´Stigma psychisch krank` schließlich ist ein überzeitlich aktuelles Thema. Die Psychiatrie war und ist Teil der Gesellschaft, ob im Kaiserreich oder im Horror des Nationalsozialismus – oder eben im ´Postkapitalismus´. Die Mischung Reich-Hegel-Marx mit einem Schuß Foucault kommt wohl nicht wieder.

Die Rolle von Professionellen und Klientin/Patient ist eine Debatte, die man auch in der heutigen Recocery-Bewegung findet. Wie Sie schreiben, sah sich Huber als 'Patient unter Patienten' - wie alle Hierarchien wurde damals auch die ärztlichen Machtposition infrage gestellt. Psychisch Kranke wurden zwar nicht zum revolutionären Subjekt, ihre gesellschaftliche Position aber nachhaltig verbessert.

Prof. Dr. Eckhard Giese, Dipl. Psychologe
Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften, Fachhochschule Erfurt


Ich habe an der Veranstaltung zur Vorstellung Ihres Buches mit dem provokativen Titel Ende letzten Jahres im Hörsaal 13 der Universität Heidelberg teilgenommen und danach mit großem Interesse „Die Geschichte des Sozialistischen Patientenkollektivs Heidelberg 1970-1971“ gelesen.

Dabei sind mir die nie vergessenen Eindrücke unserer damaligen Heidelberger Studenten- und später MA- und Assistentenzeit (Ende 1969 bis Mitte 1973 und 1975/76) wieder lebendig geworden, und ich möchte Ihnen und Ihren Mitarbeiterinnen Sonja Schweitzer und Julia Wagner neben der Anerkennung für die umfassende, gründliche und einfühlsame Recherche und Darstellung vor allem für diese Möglichkeit der Wiederbegegnung mit Bekannten und mehr oder weniger Bekanntem der damaligen Bewegung in vielen Bereichen und dabei auch mit mir selbst besonders danken.

Bücher wie Ihres, das verständig und akribisch die damaligen Vorgänge und Beweggründe im SPK zu entschlüsseln versucht, sind wertvoll und unverzichtbar. Dennoch: Wenn auch im Buch herausgearbeitet wird, dass der Zusammenhang von RAF und Unterstützerbewegung und dem SPK keineswegs derart umfangreich war, wie oft behauptet, und wenn auch die Hinweise auf die innere Dynamik der Abkopplung aus jeder Gesprächs- (entwicklungs)bereitschaft dem aufmerksamen Leser nicht entgehen, hätte m. E., wie schon oben angeführt, insgesamt noch mehr auf den Boden verwiesen werden dürfen, auf dem solche Prozesse zu jener Zeit letztlich wurzelten und gediehen.

Einige Aktionen der auch in Ihrem Buch geschilderten antiautoritären studentischen Protestbewegung, z. B. der Projektgruppe Medizin in Vorlesungssälen hatte ich miterlebt. Weil mir menschliche Bloßstellung Geschwächter grundsätzlich zuwider ist, hätte ich die herbe Abfuhr für und Vorführung manche/r Professoren durch die Podiumsbesetzer damals noch anderen gewünscht. Die menschenverachtende Zurschaustellung eines alten Parkinsonkranken, den der Neurologe Prof. Gänshirt nicht lang zuvor in einer Vorlesung zur Veranschaulichung der krankheits- bedingten, nur mühsam zu beherrschenden Propulsion mit sadistischer Freude durch wiederholtes Anstoßen über die ganze Breite des vielleicht 10m messenden Podiums zu stolpern zwang, um nur ein Beispiel zu nennen, war mir noch widerlich in Erinnerung.

Dr. med. Frank Köhler, Facharzt für Allgemeinmedizin und Psychotherapie, Frankfurt a.M.



Psychiatrie goes Management!
Zum Buch „Verletzte Helfer“, Prof. Dr. med. Christian Pross (Klett-Cotta Verlag 2009)

Frauke Lisa Seidensticker,
Stellvertretende Direktorin des Deutschen Instituts für Menschenrechte

Berlin, 12.5.2010

>> Lieber Herr Pross,

schon lange habe ich Ihnen versprochen, Ihnen meine Reaktion auf Ihr Buch noch einmal schriftlich und etwas ausführlicher zu schicken, auch im Anschluss an unsere Podiumsdiskussion in der Urania.

Ich greife einfach einige Aspekte heraus, die mir sehr vertraut vorkommen. Wie Sie ja wissen, leite und berate ich seit langem Institutionen und Organisationen in verwandten Themenbereichen. Einerseits ist das die Menschenrechtspolitik, aber ich habe auch mit Entwicklungszusammenarbeit, sicherheitspolitischen Fragen oder Demokratisierung zu tun. Und ich muss vorwegschicken, dass die Vorstände, Leitungen, Kuratorien, die mich beauftragt haben, Leitungsstellen oder Beratungsmandate zu übernehmen, natürlich angetan sind von professionellem Management. Dass heißt, ich kenne auch die andere Seite, die sich gutes, professionelles Management wünscht.

Vielleicht müssen wir, bevor wir Ihre Ergebnisse im Einzelnen angucken, benennen, von welchen Organisationen wir reden. Non- Profit-Organisationen sind viele Institutionen. Auch sämtliche Wirtschaftsverbände zum Bespiel sind Non-Profit-Organisationen, weil sie ein Sachziel haben, kein Gewinnziel. Die Institutionen, um die es uns geht, sind Organisationen oder Institutionen nicht-staatlicher Natur, die Leistungen an Dritte abgeben. Also nicht Interessenvertretungen, sondern solche, die karitative Leistungen, politische, soziale oder – wie im Fall Ihres Beispieles – psychologische oder medizinische Leistungen erbringen. Sie haben meistens die Form von Beispiel Stiftungen oder Vereinen. Von diesen Arten Non-Profit-Organisationen soll im Folgenden die Rede sein.

Nun zu Ihrem Buch. Ich muss sagen, ich habe es in einem Wochenende verschlungen. Ihre Untersuchungen sind hochinteressant, und im Übrigen auch schrecklich. Was mich etwas erstaunt hat, war die Tatsache, dass Ihre Forschungen ja alle in den letzten Jahren stattgefunden haben – ich hatte gehofft, dass sich die Situation verbessert hat. Aber auch viele meiner Beobachtungen bestätigen Ihre Ergebnisse. In meiner Beratungstätigkeit gerade auch im internationalen Bereich hab ich viel vergleichbares gesehen. Und ich habe natürlich sehr ähnliche Probleme in der Schweiz gehört und miterlebt, als ich vor zwanzig Jahren angefangen habe, in dieser Szene zu arbeiten. Aber mir fällt auf, dass sich Phänomene, die Sie beschreiben, selbst in Organisationen in diesem Themenbereich finden, die gut geführt sind. Das hat auch mit dem Thema zu tun, nicht mit schlechter Führung. Darüber müssen wir auch mal nachdenken: Wieso werden diese Phänomene so viel wiederholt? Wieso kommen sie in abgeschwächter Form überall vor? Was spiegeln sie wieder von den Themen, die sie bearbeiten?

Der große Verdienst Ihrer Untersuchung ist, dass Sie einmal eine sorgfältige Analyse durchgeführt haben. Die Phänomene sind wirklich genau auseinander genommen. Und ich glaube, Sie erleichtern damit die Suche nach adäquaten Verbesserungen. Denn das Ziel jeglicher Führungs- und Beratungstätigkeit von Non-Profit-Organisationen ist es natürlich, sie davor zu bewahren, in Aktionismus zu verfallen, sie davor zu bewahren, sich in Kleinkrieg zu verstricken, und statt dessen sie in die Lage zu versetzen, ihre häufig ja ethisch sehr wertvollen Ziele tatsächlich zu erreichen. Mit strategischer Planung, mit angemessenen und wirksamen Maßnahmen, die das moderne Management anbietet.

Nun zu einigen der Phänomene, die Sie geschildert haben. Das eine, das mir immer auffällt, ist das starke Außenfeindbild. Das scheint mir etwas zu sein, was sich durchzieht. Das ist nur natürlich in Ländern in schwierigen, angespannten Umfeldern, in Post-Konflikt-Situationen, in Ländern mit sehr repressiven Regimes der Alltag, sich mit echten „Gegnern“ herumschlagen zu müssen und das muss man das auch sehr ernst nehmen. Es fällt mir aber auch in unseren Breiten stark auf und hier kommt es mir oft überzogen vor. Ein Feind scheint irgendwie identitätsstiftend zu wirken, er wird – bedenklicherweise - kultiviert und wenig überprüft.

Das zweite Phänomen, was ich auch viel beobachtet habe, ist das der charismatischen Führungsfigur. Ein Beispiel, was mir dazu in den Sinn kam, war eine Organisation im Mittleren Osten, die eine solche charismatische Leitungsfigur hatte. Und dieser Mensch hat es geschafft, eine der renommiertesten palästinensischen Menschenrechtsorganisationen erst so systematisch aufzubauen, dass halb Europa seine NGO mit großen Summen förderte, und dann gegen die Wand zu fahren. Eine international renommierte Firma wurde darum gebeten, auf Grundlage eines Anfangsverdachts eine Wirtschaftsprüfung vorzunehmen. Leider war es zu spät, Gelder waren massiv veruntreut worden. Und das war eine Organisation, in der diese beeindruckende und charismatische Führungspersönlichkeit Gelder der Europäischen Union, der Schweiz, von Schweden erhalten hatte. Das ist natürlich ein drastisches Beispiel. Es gibt harmlosere. Aber auf jeden Fall: die charismatische Leitungsfigur kann sehr problematisch sein, auch aus anderen Gründen. Die da wären: Junge Teammitglieder werden an die Wand gespielt und erhalten keine Aufstiegschancen. Vorstandsmitglieder sind so fasziniert, dass sie ihre Kontrollaufgaben vernachlässigen. Ein aufregendes Tag- und Nacht-Engagement tritt an die Stelle geordneter Prozesse.

Komplementär dazu gibt es, was ja von Ihnen zum Teil auch sehr lustig dargestellt wird, die flachen Hierarchien und die endlosen Sitzungen. Und damit geht das Phänomen der Entscheidungsschwächen von solchen Organisationen einher. Ich selber habe einige Zeit in einer Organisation gearbeitet, die sich sehr explizit als basisdemokratisch bezeichnete. Und was eigentlich schon merkwürdig ist, diese Basisdemokratie bezog sich nur auf die Mitarbeitenden, aber keineswegs auf die Vereinsmitglieder. Es wurde also intern alles breit ausgewalzt und diskutiert und letzten Endes gab es dann eine brenzlige finanzielle Situation, in der ein ehrenamtlicher Vorstand große Probleme hatte, die notwendigen Entscheidungen zu fällen. Letzten Endes hat man sich die Entscheidung durch äußeren, finanziellen Druck abnehmen lassen. Die heutige, sympathische Geschäftsleiterin hab ich vor zwei Jahren an einer Party getroffen, und hab ihr gesagt, ich hätte seinerzeit Probleme gehabt mit den Entscheidungsschwierigkeiten in dieser Organisation, worauf sie mich nachdenklich anschaute und sagte: “Ach, das war damals schon so?”

Eine vierte Beobachtung, die ich bestätigen kann, ist die des starken Freund-Feind-Denkens. Das ist vielleicht eines der Phänomene, was mir am meisten Sorgen bereitet, und was ich auch schwierig zu bewältigen finde. Täter-Opfer-Strukturen, Wiederholung derjenigen Strukturen, die zu überwinden ja gerade viele Non-Profits angetreten sind. Ich kann mir vorstellen, dass in den Rehabilitationszentren, in denen Sie, Herr Pross, arbeiten, es tatsächlich eine echte Wiederholung der Repressionssituation gibt, wenn es darum geht, ob zum Beispiel Asylsuchende abgeschoben werden – eine tatsächliche Konfrontation mit einem zweiten Feind sozusagen, der mit Abschiebung droht. Damit muss man dann wirklich umgehen. Aber das Eigenartige ist, dass es auch wiederholt wird in Institutionen, in Organisationen, die das eigentlich nicht nötig hätten. Ich hab beobachtet, wie Mitarbeitende in Menschenrechtsorganisationen im Rahmen eines Konflikts sehr fragwürdige und unkollegiale Verhaltensweisen alle mit ihrem Engagement für die gute Sache gerechtfertigt haben, und muss sagen, die Disqualifizierung eines Andersdenkenden als Täter ist eine brutale Ausgrenzungsstrategie, die nicht dazu beiträgt, Konflikte konstruktiv zu lösen.

Der fünfte Punkt, den ich ansprechen möchte, ist eine große Schwäche, die ich im Umgang mit internen Konflikten in Non-Profit-Organisationen beobachte. Das Problem ist offensichtlich, dass der starke Bezug auf den äußeren Feind mit sich bringt, dass wenigstens intern größtes Einvernehmen herrschen soll. So ist aber leider keine fruchtbare Auseinandersetzung möglich. Und dazu gehört eben auch ein echtes Interesse dafür, wieso eine Kollegin oder ein Kollege eine Frage anders einschätzt.

Diese spannungsgeladenen Aufgaben in gesellschaftlichen Konfliktfeldern ziehen natürlich auch einen bestimmten Persönlichkeitstyp an, der sich dafür interessiert. Das sind Menschen, für die das Thema “Aufbegehren gegen Repression und Autorität” eine grosse Rolle spielt. Das kann ja gute Seiten haben wie Engagement, hohe Leistungsbereitschaft, vielleicht auch ein ausgeprägtes Mitgefühl. Schwierig wird es erst dann, wenn diese in so eine Art vorwurfsvolle Aufopferung oder Mangel an Interesse und Respekt für Andersdenkende mündet. Oder vielleicht auch Größenwahn, das haben Sie auch geschildert. Und für den Menschenrechtsbereich, den ich natürlich besonders gut kenne, sollte man vielleicht auch dazu sagen, dass dieser sehr normativ geprägt ist. Es steht doch in diesem oder jenem Pakt, den ja schließlich die entsprechenden Länder unterzeichnet haben, wie jene Frage zu lösen ist. Es ist doch ganz selbstverständlich, dass die Menschenrechte zu respektieren sind. Warum sollte ich eine andere Meinung dazu akzeptieren? Diskursive Fähigkeiten werden im Menschenrechtsbereich zu wenig geschult. Es wird schon gerne mal eine belehrende Haltung gepflegt, die ganz gut weiß, wo es lang geht. Allerdings sollten wir auch nicht vergessen, dass dazu ein gesellschaftliches Umfeld kommt, das dem Beruf des Flüchtlings-helfers, des Menschenrechtlers, vielleicht auch des Traumatherapeuten, nicht gerade viel Respekt entgegen bringt. Schwingt da nicht oft eine herzhafte Verachtung mit? Ich weiß nicht, wie viele satirische Artikel ich gelesen habe, in denen Menschenrechtler verdammt schlecht wegkommen und mit Birkenstock und Wohltätigkeit und Selbstgestricktheit assoziiert werden. Die andere Seite dieser Haltung mag die großzügige Weihnachtsspende sein, mit der man sich die Inhalte vom Leibe hält. Das gesellschaftliche Ansehen der Branche ist nicht sehr hoch.

Wenn wir uns den Lösungen zuwenden, stellen wir natürlich fest, dass das Feld des professionellen Management im Non-Profit-Bereich ist in den letzten zwanzig Jahren ständig ausgebaut worden ist. Wenn Sie das im Internet googlen, treffen Sie auf eine ganze Menge Masterstudiengänge. Es gibt Beratungsunternehmen, die sich darauf spezialisieren. Selbst McKinsey und PriceWaterhouseCoopers haben sich so eine Abteilung zugelegt, weil sie das Gefühl haben, hier mitreden zu müssen.

Was könnte denn nun eine Beraterin, eine professionelle Führungskraft verbessern? Rein äußerlich wird eine Organisationsberatung hinzugezogen, oder Supervision. Es wird gecoacht. Es werden Konflikte bearbeitet. Es wird reorganisiert, so dass jemand führen kann. Und es wird vielleicht eine ordentliche und kompetente Führungskraft eingesetzt. Aber mit welchen Maßnahmen ist das verbunden?

Ich glaube, in den meisten Fällen erfordert es eine echte Veränderung der Organisationskultur. Nehmen wir ein paar der von Ihnen geschilderten Schwächen, und fragen: Was tun?

Da ist das Beispiel der flachen Hierarchie, kombiniert mit der charismatischen Führungspersönlichkeit. Die Maßnahme wäre die Etablierung einer anerkannten Funktionshierarchie. Dass heißt:

  • klare Entscheidungs- und Dienstwege
  • geklärte Kompetenzen, auch zwischen Ehrenamt und Hauptamt
  • Einsetzen einer Führungspersönlichkeit, die bereit ist:

    • eine Führungsrolle auf sich zu nehmen, ohne die Hierarchien zu verwischen
    • Chefprojektionen auszuhalten und auch kritisierte Entscheidungen durchzuziehen
    • transparent zu arbeiten und
    • andere wachsen und aufblühen zu lassen.

Viele dieser Anforderungen würde die klassische charismatische Führungspersönlichkeit nicht erfüllen - auch wenn das oft sehr interessante Menschen sind.

Einen zweiten Kulturwechsel, den man oft vornehmen muss, lässt sich gut mit der Floskel erklären „Alle ziehen an einem Strang“. Das ist nämlich eine problematische Denkweise. Mein Vorschlag wäre hier, eine ordentliche Konfliktkultur einzuführen. Wenn ich ein Beispiel aus der Institution anführen darf, die ich leite, das Deutsche Institut für Menschenrechte: Publikationen im Deutschen Institut für Menschenrechte werden gründlich kritisiert. Und zwar auf jeder Hierarchieebene; ob das von der Direktion geschrieben ist, von irgend einer Kollegin einem Mitarbeiter oder jemandem, der im Werkvertrag da ist – die werden profunder Kritik unterzogen. Und das macht den Autoren nicht immer Spaß. Das Ergebnis sind aber sehr ordentliche Publikationen. Also ich glaube, dass es ermutigt werden muss, einander zu kritisieren, intern um Konzepte wirklich profunde Auseinandersetzungen zu führen, oder zum Beispiel um die Frage wie man in der Politik und der Öffentlichkeit auftritt. Da werden vielleicht auch mal Coaches hinzugezogen. Auf jeden Fall würde ich aber immer empfehlen, alle Ansätze zu pflegen, die Konflikte auch gern haben und positiv auswerten.

Ein dritter Bereich, den Sie angesprochen haben, ist dieses Problem der völligen Überarbeitung. Da hilft schon eine ganz banale Arbeitszeitkontrolle, ein Eindämmen, der beliebten Überstundenkultur. Ich glaube, dass es sich lohnt, eine ordentliche und zielgerichtete strategische Planung einzuführen, die zusammen mit den Stellenbeschreibungen auch zum Beispiel ein Referenzpunkt für regelmäßig geführte Mitarbeitergespräche sind, in denen Unzufriedenheiten und Konflikte angegangen werden können. Und schließlich – sehr wichtig, wenn man wirklich strategisch arbeiten möchte – eine professionelle Auseinandersetzung mit den eigenen Zielgruppen. Wie sollte man die eigenen Zielgruppen ansprechen? Welche Kommunikationskonzepte dienen wirklich unseren Zwecken? Welches maßgeschneiderte Auftreten hilft, damit wir wirklich unsere Ziele erreichen? Welche Qualitätsstandards sollten wir einhalten? Non-Profit-Organisationen haben in den letzten Dekaden gründlich an ihrem Auftreten und ihrem Image gearbeitet.

Ja, das mal ein paar Ideen dazu, was sich alles ändern ließe.

Vielleicht noch ein paar Überlegungen zu externer Beratung und größeren Innovationsvorhaben – Reorganisation oder Change Management in der Fachterminologie. Wenn Sie wirklich eine größere Restrukturierung vorhaben, hilft eine externe Organisationsberatung. Ich würde inzwischen viel eher als früher auch für kleinere Konflikte Coaches reinholen. Eine Beratung zielt eher darauf ab, sich anerkannte Lösungsmodelle vorschlagen zu lassen von jemand, die oder der viel von Organisationen versteht. Ein Coaching fokussiert aufs Zuhören, stärkt die Führungskraft, erfragt die Stärken der Leute und erarbeitet eine maßgeschneiderte Konfliktlösung. Und Supervision ist dann noch mal wieder ein anderer Ansatz, in meinem Bereich weniger üblich als in Ihrem. Das ist ja für Patientenbetreuung eigentlich recht verbreitet.

Wenn ich einige schwierige Führungssituationen reflektiere, die mir in den letzten zehn, fünfzehn Jahren begegnet sind, bedaure ich eigentlich, dass ich so oft meinte, das als Führungsperson selber lösen zu müssen. Es ist eine Überforderung, zu meinen, dass eine Führungsperson auch noch Coach, immer auch noch irgendwie Beraterin und Betreuer sein kann, immer alle Seiten verstehen und ihnen gerecht werden kann. Ich nehme heute eher schneller die Beratungs- und Coachingbranche in Anspruch, als ich es früher gemacht habe.

Eine Organisationsberatung ist dann noch ein anderer, größerer Prozess. Die Beratung setzt sich mit vielen Leuten in der Institution zusammen und hört sich an, wie die Problemlage im Augenblick ist. Sie identifiziert, das findet man sehr schön in Ihrem Buch: Was ist das Organigramm, also die Organisationsstruktur, wie sie offiziell deklariert wird? Was ist die informelle Leitungsstruktur? Die dem komplett widersprechen oder ein wildes Durcheinander darstellen kann. Aus dieser Analyse werden Vorschläge entwickelt, die in der Regel mit zahlreichen Gremien abgestimmt werden müssen. Das klingt schwerfällig, aber der breit abgestützte Prozess ist die halbe Miete, der die verschiedenen Teilnehmenden in einer Organisation überhaupt dafür motiviert, eine Veränderung dann auch mit zu tragen und vielleicht auch mit zu steuern. So eine Reorganisation ist ein komplexer Prozess, der immer auch noch andere schlummernde Konfliktherde aufdeckt als die, wegen derer er angestoßen wird. Er bietet eine große Chance, zahlreiche Strukturen und Abläufe in einem einzigen Verfahren zu optimieren und damit den Weg für eine effiziente, zielorientierte und wirksame Institution freizumachen.

Ja, soweit meine Überlegungen zu Ihrem Buch.
Ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit
und grüße Sie herzlich

Frauke Lisa Seidensticker <<


Dr. Tanja Rode, Diplom-Politologin, Supervisorin (DGSv):

>> Im Planungsbeginn zu einem bundesweiten Kongress "Indirekte Traumatisierung im Beruf - Anforderungen an Berufspraxis, Ausbildung und Supervision" lese ich aktuell Ihr Buch "Verletzte Helfer". 

In Ihrer Einleitung gibt es eine Passage, die ich so erschütternd fand, dass ich rasch mal einen freundlichen Kontrapunkt setzen wollte. Es ist die Passage über erlebte Anfeindungen und damit einhergehend unangenehme Erwartungen bzgl. der Reaktionen auf Ihr Buch.  

Ich arbeite seit 15 Jahren im Traumabereich und habe viel mit "Sekundärtraumatisierung" zu tun, ich arbeite in Supervision, Beratung, Psychotherapie und Fortbildung und gebe meine Erfahrungen und Gedanken dazu weiter - und finde es ganz wunderbar, dass Sie dieses Buch geschrieben haben, das schon so ganz zu Beginn mutig heikle Fragen eröffnet, die auch mich umtreiben: z.B. die des Verständnisses des "Unmenschlichen", das doch so offenkundig menschenmöglich ist, und damit Fragen an "uns alle" aufwirft. 

Interessant finde ich auch Ihre Loslösung von Begriffen bzw. die Entpathologisierung und Entindividualisierung von (zwischen-)menschlichen Prozessen, damit auch Ihre Kritik am Begriff der Indirekten Traumatisierung selbst. 

Für mich ist dies auch aus systemischer Perspektive ein befreiender Gedanke.
Aus dieser Sicht würde ich jedoch keinen Unterschied sehen zwischen der Entpathologisierung der "Indirekten Traumatisierung" und anderer Bewältigungsstrategien, wie sie in der ICD 10 kodiert sind.

Ich selbst bin auch von der Möglichkeit einer "gesunden Transformation" in der Arbeit mit Traumatisierten überzeugt und erlebe es auch so. 

Ihre Auseinandersetzung am Schluss zeigt m.E. deutlich, wie sehr es nicht nur um Phänomene und Erleben geht, sondern stets auch um unsere Kontextualisierung, Bedeutungsgebung und Bewertung dieser Phänomene. 

Ich kenne auch die notwendige und eine durchaus gelingende Veränderung einer Institution, die mit Traumatisierten arbeitet, und kann Ihre Ausführungen dazu unmittelbar nachvollziehen. Außerordentlich fruchtbar finde ich die Einbeziehung von gesellschaftlichen und struktuelllen und organisatorischen Bedingungen als mitentscheidend für Belastung und Indirekte Traumatisierung. Dass es an dieser Stelle Handlungsmöglichkeiten und -bedarf gibt, sehe ich jedoch nicht im Widerspruch zum Phänomen der "Indirekten Traumatisierung".  Auch wird  ihre Entstehung aus meiner Sicht durch diese Perspektivenerweiterung nicht verstärkt bedingt durch Schuld oder Unprofessionalität - sowie ich das Erkennen (oder auch die Konstruktion) von Indirekter Traumatisierung nicht als BeSchuldigung der traumatisierten Klientinnen und Klienten sehe.

Ich finde, Sie setzen eine spannende, bereichernde und durchaus auch provokative Arbeit in die Diskussion. 

Nun plane ich aktuell einen bundesweiten Kongress "Indirekte Traumatisierung im Beruf - Anforderungen an Berufspraxis, Ausbildung und Supervision". Es ist ein Arbeitstitel, und wiewohl ich das Anliegen der Auflösung von Begriffen teile, so ist damit doch zunächst verständlich, was gemeint ist. Zudem fände ich Auseinandersetzungen genau darüber - über den Begriff und dessen Implikationen sowie das Verhältnis zu Arbeitsbelastung und Primärtrauma - auf dem Kongress selbst auch sehr spannend. <<

www.tanja-rode.de


A. Mitarbeiterin einer Opferberatungsstelle:

>> Ich habe gerade vor einigen Tagen mit viel persönlichem Gewinn die Lektüre der „Verletzten Helfer“ beendet. Neben dem Lesen regte mich jedes Kapitel sofort zu vergleichenden Betrachtungen, zur Erfahrungsüberprüfung und zur Introspektion an. Da ich selbst immer wieder in solchen bzw. ähnlich strukturierten und arbeitenden Vereinen mitwirkte und seit über einem Jahr eine Helferposition einnehme, konnte ich mit Hilfe Ihrer Analyse eine fundierte erste Kurzbewertung meiner Situation vornehmen. Ich finde den Verein im formellen Organigramm A und im informellen B wieder. Er ist bisher nicht aus der Pionierphase herausgewachsen. Es gibt alle Hemmnisse und Missstände die Sie so eindrucksvoll schildern. Ich überlege seit geraumer Zeit, wie lange ich mir diese Situation noch antun kann/soll/sollte. Die informelle Struktur wird durch einen sich als Gründer fühlenden Geschäftsführer bestimmt, der eigentlich kein Gründer war und der fachlich ein Laie mit einiger Menschenkenntnis ist, aber sich anmaßt fachliche Weisungen geben zu können. Der Vorstand ist weit entfernt und mit andren Dingen beschäftigt usw. usf. Raum um das Destruktive zu bearbeiten ist nicht zu finden und lässt sich auch nicht herstellen, weil alle Angst davor haben, was wahrscheinlich auch auf viele ähnliche Einrichtungen zutrieft.. Das ist Ihnen alles bestens bekannt, weshalb ich hier nicht weiter vertiefe. Bei all dem Schrecklichen las ich Ihr Buch dennoch mit ruhigen und ungebrochenen Interesse, hilft es mir doch, mein eignes Sein in diesen wirren und irren Verhältnissen zu erkennen, zu überprüfen und, was mir gerade im Moment  wichtig ist,: zu der Struktur und den Akteuren Distanz zu gewinnen. Ich habe die Lektüre anderen Gepeinigten bereits empfohlen, denn Distanz zu finden ist eine gute Selbsthilfe, der dann andere Schritte folgen können. <<


Ich freue mich über Ihre Zuschriften, bitte schicken Sie diese an mail[at]christian-pross.de

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